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Poesie im Cyberspace: Einleitung

EINLEITUNG

In Walter Gronds Essay-Sammlung Der Erzähler und der Cyberspace, einer kritischen Sichtung medien- und literaturtheoretischer Ansätze in ihrer gesellschaftlichen Relevanz, markieren die Autorpersönlichkeit und das Werk Paul Wührs einen besonderen Ort auf der Streckenkarte in eine Netzwerkkultur:
Nach Grond vollendet die Poesie Paul Wührs in der Vorwegnahme den Anspruch der Hypertextualität (‘Satzrisse’, ‘Verknotungen’, ‘Hierarchiezusammenbrüche’, ein Rhizom im Deleuze’schen Sinne) und bleibt als Poesie ‘ausser Zweifel’. So zeigt sie sich auch unbeeindruckt vom Wechsel der Techniken und in kühner Geschmeidigkeit wandelbar (vgl. die Paw-Stimme des Tagebuch-Eintrags Paul Wührs). Prekär wird die Verortung des Werks in der Charakterisierung von Salve Res Publica Poetica – parallel zu Finnegans Wake – als ‘Totalereignis’. Hier wird es für Grond als Bruch pointiert zum Dreh aus einer in den Möglichkeiten positiv verstandenen ‘Sackgasse’ hin zu erneuten ‘Selbstermächtigungen’ des Erzählens und ‘Geburt des Autors’ (vgl. die Text-Auszüge aus Cyberspace).
Gronds Vorstellungen einer ‘dritten Kultur’ vertreten in besonderem Maße einen rezeptionsästhetischen Anspruch: »Netzwerkkultur beinhaltet all die prägenden Momente der Moderne und Postmoderne, verstärkt und vollendet sie – die Technisierung der Sinne, die Umgestaltung von Raum und Zeit, die Auflösung des Meisterwerks gerade im Moment, als es am meisten gilt. Was zum revolutionären Kulturwandel führt, sind aber nicht die Maschinen, sondern deren Benützer – das Publikum, das seinen Rang einfordert.« (Cyberspace, S. 40 ) Weiterlesen

Paul Wühr: [Poesie und Technik]. Auszug aus dem Tagebuchprojekt Der wirre Zopf.

LE PIERLE: 20. Febbraio 1990, Martedi
PAW 

Wäre Poesie von dieser Welt, dann stürbe sie in jeder Generation. Dann hat Gutenberg in Mainz damals ihren Totenschein gedruckt in Metallbuchstaben. Das glaubt, wer sie in Zusammenhang bringt mit wechselnden Techniken ihrer Konkretion. Die Leute sollten sich nicht derart aufpausen. Wenn Neues Altes vernichtet, war dieses Alte keine Poesie. Diese stirbt mit keiner neuen Erfindung. Erfindungen sterben. Was bleibt, ist Poesie, in welcher Erfindung auch immer sie auftritt, diese bleibt mit ihr am Leben. In diesem amüsiert sich die Poesie ganz besonders mit ihren Todesanzeigen. Andererseits macht es ihr auch Spaß, wenn Technik sie verwertet, und sie hat nichts dagegen, wenn ein Heroe ein elektrisches Format bekommt, das ihn jedem Gartenzwerg gleichstellt. Im Hightech bleiben Gartenzwerge unter sich. Es verhält sich doch so: Die Poesie bekommt es niemals mit der Technik zu tun, aber diese mit ihr. Sie wälzt sich nicht um. Sie selber ist Revolution. Sie ordnet aber diese nicht an. Und niemand und nichts, auch keine Ordnung. Das macht sie wenig beliebt. Sie sorgt sich aber gar nicht um die Liebe. Und was ihre Liebhaber angeht, da lobe ich aus der Theologie den Begriff heim in die Poesie, der hier gilt: Auserwählung. Der Augustinus muß hergeben, was er einmal gestohlen, damit sich die große Menge in geziemendem Abstand hält, wenn Poesie ihre Auftritte hat. Sie selber hat keine ungeziemende Sehnsucht nach weiteren Liebhabern. Ihr genügt, was prädestiniert ist. Sie ist keine Heimat. In sie kehrt man auch nicht zurück. Dort ist man schon immer gewesen oder wird niemals dort sein.

Erstveröffentlichung unter www.paul-wuehr.de, 2000

Paul Wühr, Inge Poppe-Wühr, Walter Grond: Ein Briefwechsel.

PAUL WÜHR

Le Pierle, 15.11.98

Lieber Walter,
jetzt habe ich Deine Feinde so viele schlimme Sachen über Dich sagen hören – in »Der Soldat und das Schöne«– daß ich am liebsten selbst gegen sie schriebe. Ganz unfaßlich ist das. Soviel (Bairisch) Hinterfotzigkeit darf es doch nicht geben. Jetzt liest Inge; auf mein Erzählen hin hat sie sich entschlossen: eine Dokumentation über die Autorenbuchhandlung zu schreiben. Du hast ihr Mut gemacht. Sie hat in ihrer Krisenzeit in München Grazian gelesen. Ich erinnere. Sie hatte lange Zeit auch diesen dunklen, vom Brüten finsteren Gesichtsausdruck gehabt, den ich vor Wochen bei Dir bemerkte. Da ist kein Zorn mehr, aber unheimlicher Durchblick, nur noch ein Rest von Vertrauen. Ich kann nur immer wieder und nur als Autor bestätigen, daß Du alles unternommen hast, was ich jetzt nachlesen konnte: für die Autoren. Geschrieben ist Dein Buch so direkt, daß ich in der vergangenen Woche einen Tag lang – vom Morgen bis zum Abend – beinahe pausenlos las. Schlimm quälend baust Du ein Szenarium in das andere hinein, auch ein Szenenpanorama bauend, daß man vom Text geschluckt wird: geschluckt wird sowieso viel, aber Spaß in diesem Fall beiseite. Da gibt es ja gar nichts zu lachen. Wie sich die Allmeier (S. 189) – immer mit gutem Gewissen – gegen Brand wendet – das ist ein Meisterstück. Sie kommen sich nun übrigens alle nicht schlecht vor bei aller Kabale. Soviel Gutherzigkeit bekommt Brand zu spüren. Alles Gutgemeinte läßt Du hier auftreten bis zur »an den Rändern dunkel und trocken gewordenen Mayonnaise«. Auf S. 202 oben: da wird es grell; jetzt legt diese Person los. Die Allmeier verkehrt ihre kleine Welt: damit sie handeln kann. Was ich schon andeutete, auf der vorletzten Seite dieses stählernen, dröhnenden , grollenden und nie sich weich widersprechenden Buches, kommst Du mit dem Satz heraus »ging ihm die fixe Idee durch den Kopf, ein Menschenfreund werden zu wollen«. Da muß ich befreit auflachen. So spricht ein Rächer, kein Zyniker. Lies nach bei mir: In der Poesie fließt kein Blut. Oder wie Du Dir nach diesem mächtigen Buch ernsthaft vorstellen willst, wie –.. ach was, Präsidium a. D. Schreib. Du kannst hinreißen und – her. – Wir fuhren nach dem Besuch bei Euch zu Czernin, lasen laut in seinen 15 Arabesken »Anna und Franz« – märchenhaft, liefen in den Wald zu seinem Forsthaus und redeten, auch mit Adriana, wir schauten ihre Bilder an in einem schönen, großen Arbeitsraum. Inzwischen waren wir schon wieder oben – diesmal in Deutschland. Ich sitze jetzt wieder an »Venus im Pudel« , habe ein schlechtes Gewissen, immer dann, wenn sie nur moralisch, heldisch, leidensfreundlich und vor allem rein kommen: die Menschen in den Medien und tröste mich mit einem Wachauer; der ist schon weg. Von Saskias Lösungen habe ich viel erzählt. Bei Christine ging es uns sehr gut. Das ist gut, wie schön ihr da an der Donau sitzt. Wir waren inzwischen schon oft bei Euch, wobei das Treppensteigen so wunderbar leicht »fällt«. Seid alle gegrüßt – herzlich Dein Paul

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Walter Grond: Der Erzähler und der Cyberspace. [Textauszüge]. Literatur als Grundlagenforschung. Totalereignisse.

9) Literatur als Grundlagenforschung

Vom Einbruch der avantgardistischen Problematik zwar nicht unbeeindruckt, aber weiterhin auf die Autonomie des literarischen Feldes bestehend, versucht eine nachexperimentelle Literatur ein zeitgemäßes Schreiben aus der Weiterentwicklung bzw. der teilweisen Verwerfung der modernistischen Ästhetik zu begründen. Die Parallelen zu den Strategien, die Hartmann in bezug auf eine notwendige Datenkritik des Cyberspace fordert, sind augenfällig: Nachexperimentelle Dichtung nährt sich aus einem sprachkritischen Impetus.
Der Kolonisierung des Körpers durch Technik entspricht die Kolonisierung des Geistes durch Sprache. Wie Sprache den Sprechenden kolonisiert, versucht eine Literatur offenzulegen, die ihre Triebkraft aus dem Zweifel gegenüber dem Medium, in dem sie sich bewegt, bezieht und daher als das wichtigste Kriterium für das Schreiben die Genauigkeit nennt. Sprachkritik entwirft also einen Kunstbegriff, der Wissenschaftlichkeit in das dichterische Verfahren mit einbezieht. Literatur versteht sich folglich als Grundlagenforschung.
So führt etwa Ferdinand Schmatz in seiner Poesie Literatur, Kunst und Philosophie als endlose Verknüpfung vor. Er stellt eine Distanz zur Selbstbezüglichkeit der Dichtung her, indem er die Welt-Bibliothek, die ständig Interpretationen und damit Kopien erzeugt, daraufhin befragt, ob sie Sinnauslöschung oder Sinnentdeckung leistet. Er hebt die Grenzen zwischen Kunst und Reflexion im poetischen Text selbst auf, nimmt also das wissenschaftliche Urteil mit hinein in das Gedicht. Das Neue an der neuen Lyrik ist nicht nur das Hin und Her zwischen Wahrnehmung, Empfindung, Bild und Wort, sondern auch das Begehren nach Verstehen. Neue Dichtung widersetzt sich wohl dem Verdunkeln und Sinnzerstören, der Irritation und der Verhinderung von üblichem Verstehen, wie es die moderne Lyrik in der Tradition Baudelaires und Mallarmés tat. Als Dichtung bleibt sie aber dennoch einem dunklen Schreibakt verpflichtet, der stets nur die eine Hälfte des zerbrochenen Ganzen sichtbar macht, eines utopischen Ganzen, in dem Bild und Abbild zusammenfallen. In der Vollständigkeit, legen Schmatz’ Gedichte nahe, wäre die Idylle erreicht, die das Denken dem Dichter verbietet. Weiterlesen