Kategorie-Archiv: Aufsätze über Paul Wühr

Die Kölner Paul-Wühr-Ausstellung in der Bibliotheca Speck: „Wenn ich schreibe, atme ich in der Poesie“. Ein Bericht von Andreja Andrisevic

Vom 9. November 2014 bis zum 1. Februar 2015 war in der Bibliotheca Reiner Speck zu Köln die Ausstellung „Wenn ich schreibe, atme ich in der Poesie“ [1] zum Gesamtwerk von Paul Wühr (1927-2016) zu sehen. Ausgerichtet wurde die Ausstellung im Auftrag der Paul-Wühr-Gesellschaft, die Kuratoren waren die Verfasserin dieses Berichts, Thomas Betz, Prof. Dr. Wolfgang Lukas und Arthur Pyrskala, Gastgeber war der Kunstsammler, Mediziner und Publizist Prof. Dr. Reiner Speck. Die Gesamtschau auf das umfangreiche Werk Wührs war unterteilt in die Sparten Hörpoem, Gedichtpoem und Prosapoem. Im Fokus stand dabei – die Benennungen deuten es bereits an – das Phänomen der Gattungsüberschreitung in Wührs Werk, aber auch dessen Potential zu Norm- und Tabu-Bruch. Über diese drei gattungsspezifischen Abteilungen wurde außerdem der ausgeprägten Intertextualität in Wührs Schaffen eine eigene Sektion gewidmet, so dass sich die Ausstellung in insgesamt vier thematische Hauptblöcke gliederte. Weiterlesen

Marianne Wünsch und Michael Titzmann: Prinzipien der Poesis in Paul Wührs Werk seit 1970 – am Beispiel illustriert.

Basis unserer Überlegungen sind Paul Wührs Texte der 70er und 80er Jahre: Gegenmünchen (1970), So spricht unsereiner. Ein Originaltext-Buch (1973), Grüß Gott ihr Mütter ihr Väter ihr Töchter ihr Söhne. Gedichte (1976), Rede. Ein Gedicht (1979), Das falsche Buch (1983), Soundseeing Metropolis München (1983).

Wir gehen dabei zunächst aus von So eine Freiheit, dem zweiten Teil von So spricht unsereiner, dem der Teil Preislied vorangeht und die Teile Trip Null und Verirrhaus folgen. Das Originaltext-BuchSo spricht unsereiner bezieht sich implizit von vornherein auf einen – in den frühen 70er Jahren neuen und signifikanten – literarischen Texttyp: die „dokumentarische Literatur“, die Wührs Text systematisch zugleich präsupponiert und transformiert. Laut seiner „Vorbemerkung“ (S. 6) gilt, daß die Teiltexte der vier Abteilungen des Bandes auf Tonbandaufnahmen von Sprechakten realer Personen beruhen:

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Irina Buck: Tribüne, Arena, Schaukel und Laufsteg. Anmerkungen zur Raumsemantik in Paul Wührs Poembuch „Luftstreiche. Ein Buch der Fragen“

Der folgende Beitrag ist Teil einer Magisterarbeit zur Raumsemantik in Paul Wührs Luftstreichen. Die hier besprochenen komplexen räumlichen Gefüge sind nur ein Aspekt der unterschiedlichen Raumrelationen, die in Luftstreiche eine Rolle spielen.

Komplexe Raumrelationen

Räumliche Komplexe wie Arena, Tribüne, Schaukel oder Laufsteg sind in den Luftstreichen wie Requisiten auf der Bühne des topographischen Raums verteilt. Dabei sind sie jedoch nicht statisch an einer oder mehreren bestimmten Stellen des Großraums München angesiedelt, sondern werden vielmehr zur Metaphorisierung poetologischer Ideen oft losgelöst von der Topographie behandelt oder zur Verdeutlichung bestimmter Sachverhalte nur für den Moment einer Szene auf der Stadtkarte manifestiert. Somit stehen sie zwischen Realität und Fiktion. Weiterlesen

Birgit Guschker: Per O-Ton ins Jenseits von ,,richtig“: Zu Paul Wührs O-Ton-Hörspielen der 70er Jahre

München in den 70er Jahren. Paul Wühr zieht mit Mikrofon und Aufnahmegerät durch Straßen, Kneipen, Säle seiner Stadt und nimmt auf, was ihm die Menschen dort erzählen. Er hat den Orignialton, kurz O-Ton, für sich entdeckt – als Material für ein ganz neues literarisches Experiment.

Wührs erstes O-Ton-Hörspiel, das ,,Preislied“, wird als eine Co-Produktion von BR und NDR 1971 urgesendet. Ein Jahr später soll der Münchener dafür mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet werden.2 Noch 1972 folgt die Erstsendung von „Verirrhaus“, 1973 geht „Trip Null“, 1976 „Viel Glück“ und erst 1992 „So eine Freiheit“ auf Sendung.3 Mit diesen fünf Arbeiten geht Wühr über seine Rundfunkarbeiten der 60er Jahre hinaus.4 Die frühen Stücke kommen mit ihrer relativ stringenten Handlungsführung und den recht übersichtlichen Figurenkonstellationen noch eher der traditionellen Dramaturgie des Hörspiel nach 1945 nahe.5 Die O-Ton-Hörspiele sind Hörkunstwerke im Sinne des Neuen Hörspiels6 - ebenso wie Wührs spätere Klang-Collagen, „Soundseeing: Metropolis München“ (1987) und „Faschang Garaus“ (1989), die allerdings musikalischer und noch komplexer sind als Wührs O-Ton-Arbeiten der 70er Jahre, um die es hier gehen soll.

Die folgenden Ausführungen wollen eine von vielen möglichen Annäherungen an diese Hörspiele sein. Dabei soll am Beispiel des Preislieds aufgezeigt werden, wie Wühr bei ihnen vorgegangen ist, und welche Intentionen bzw. welche poetische Konzeption hinter seiner Vorgehensweise stecken. Weiterlesen